Mitten im Moment – über achtsames Arbeiten und die Kraft unserer Gedanken
Manchmal denke ich darüber nach, wie oft wir eigentlich körperlich an einem Ort sind, während unsere Gedanken schon ganz woanders sind.
Wir sitzen bei einem Menschen und denken gleichzeitig darüber nach, was danach noch erledigt werden muss. Wir arbeiten an etwas mit unseren Händen und überlegen dabei schon, was als Nächstes kommt. Wir hören jemandem zu und formulieren in Gedanken bereits unsere Antwort.
Wir sind gar nicht wirklich da und plötzlich ist dieser Moment vorbei!
Gerade wenn der Alltag laut ist, wenn Zeitdruck da ist, viele Aufgaben gleichzeitig warten oder meine eigenen Gedanken mich beschäftigen, ist es gar nicht so leicht, einfach nur in diesem einen Moment zu bleiben.
Und dann frage ich mich: WIE bin ich gerade da?
Genau darum geht es für mich bei Achtsamkeit: wirklich da zu sein! Nicht nur körperlich, sondern mit meiner Aufmerksamkeit, meinen Gedanken und vor allem mit meinem Herzen. Wie begegne ich meinem Gegenüber. Bin ich wohlwollend, positiv, bin ich gebend?
Wer mit Menschen arbeitet, trägt Verantwortung. Und oft begegne ich Menschen genau dann, wenn es ihnen nicht gut geht. Sie haben Schmerzen, Angst, Sorgen oder sind einfach erschöpft von ihrer Situation. Da ist es in meinem Beruf wichtig diese innere Haltung einzunehmen.
Für mich ist Achtsamkeit deshalb keine Technik und auch kein Zustand, den man irgendwann erreicht und dann für immer beherrscht. Vielmehr eine permanente Entscheidung.
Immer wieder zurückzukommen. Einmal tief einatmen. Wirklich bei einem Menschen sein. Desto mehr ich es übe umso leichter wird es. In der Pflege bin ich automatisch in einem Zustand, bei dem ich da bin und mich selbst zurücknehme. Natürlich nicht immer, ganz klar.
In anderen zwischenmenschlichen Begegnungen kann ich das jetzt nicht so behaupten. Doch es wäre schön, dass mir dies auch da gelingt.
Bei meinem zweiten Steckenpferd „Spirituelles. Handwerk“, geht es genau um das. Achtsames Arbeiten, im Moment sein, was fließt von mir in das Werkstück ein. Liebevoll, achtsam und positiv zu bleiben. Der Bonus ist dann ein wunderschönes Kleidungsstück, das mich beim Tragen dabei unterstützt bei mir zu sein.
Zwischen Pflege und Handwerk
Auf den ersten Blick haben Pflege und Nähen nicht besonders viel gemeinsam. Das eine hat mit Menschen, Gesundheit und Verantwortung zu tun, das andere mit Stoffen, Schnitten und meiner eigenen Kreativität.
Und doch entdecke ich Gemeinsamkeiten.
In der Pflege muss ich genau hinschauen. Ich muss wahrnehmen, wie es einem Menschen wirklich geht – nicht nur auf das hören, was er sagt. Ein Patient kann sagen: „Es geht schon“, während seine Körperhaltung, sein Gesicht oder seine Stimme etwas ganz anderes erzählen.
Dafür muss ich präsent sein.
Wenn meine Gedanken schon bei der nächsten Aufgabe sind, entgeht mir vielleicht genau das kleine Zeichen, das eigentlich wichtig gewesen wäre.
Beim Nähen ist es ähnlich. Wenn ich einen Stoff in die Hand nehme, muss ich mich auf ihn einlassen. Wie fühlt er sich an? Wie fällt er? Wie verhält er sich beim Zuschneiden und Nähen?
Auch hier kann ich nicht einfach gedankenlos arbeiten.
Ein kleiner Fehler beim Zuschneiden oder eine ungenaue Naht kann später große Auswirkungen haben. Ich muss Schritt für Schritt arbeiten und aufmerksam bleiben.
Vor allem wenn ich einen Rock nähen möchte, der mir persönlich Kraft geben soll, dann muss ich darauf achten, was ich denke, was ich in mein Werkstück fließen lasse.
Und genau das gefällt mir am Handnähen besonders. Meine Hände sind beschäftigt und mein Kopf wird oft ruhiger.
Ich bin bei dem Stück Stoff vor mir, bei der Nadel, beim Faden und bei jedem einzelnen Stich.
Für einen Moment gibt es nur das. Wenn der Kopf zu laut wird.
Es gibt Tage, an denen mein Kopf einfach nicht stillsteht. Gedanken an das, was noch erledigt werden muss. Dinge, die mich beschäftigen. Sorgen, Geschichten und Dramen, Erwartungen und auch dieser innere Druck, alles schaffen zu müssen weil ich niemals ganz ausreiche.
Dann merke ich, wie schwer es mir fällt, wirklich liebevoll im Moment zu bleiben.
Und genau dann wird mir bewusst, wie viel Macht unsere Gedanken haben.
Aber ich glaube, wir können sie nur bemerken, wenn wir aufmerksam sind.
Ich habe für mich oft schmerzhaft gemerkt, dass meine Gedanken mehr bewirken, als ich zuerst glaube. Wenn ich mich ständig mit negativen Gedanken beschäftige, fühle ich mich auch schneller unruhig oder unsicher. Denke ich hingegen positiv und vertraue darauf, dass etwas gut wird, gehe ich ganz anders durch den Tag.
Auch andere Menschen spüren, mit welcher Energie ich ihnen begegne. Meine Gedanken zeigen sich in meinen Worten, meiner Stimmung und meinem Verhalten.
Deshalb versuche ich, mehr darauf zu achten, was ich in meinem Kopf entstehen lasse. Denn auch wenn ich nicht alles kontrollieren kann, kann ich entscheiden, welche Gedanken ich weiterwachsen lasse. Und genau das kann auch im Außen etwas verändern.
Achtsamkeit heißt nicht, alles langsamer zu machen. Ich dachte Achtsamkeit ist mit ein bisschen Ruhe und Langsamkeit verbunden. Heute sehe ich das anders.
Achtsamkeit bedeutet für mich nicht, alles langsamer zu machen.
Es bedeutet, das, was ich gerade tue, wirklich zu tun.
Wenn ich bei einem Patienten bin, möchte ich bei diesem Menschen sein.
Wenn ich nähe, möchte ich nähen.
Wenn ich mit jemandem spreche, möchte ich zuhören.
Und wenn ich merke, dass meine Gedanken wieder davoneilen, dann darf ich zurückkommen. Immer wieder!
Ich muss nicht perfekt achtsam sein, es reicht, wenn ich es immer wieder versuchen. Daran erinnere ich mich immer wieder.
Mitten im Moment
Für mich verbindet die Pflege und das Nähen deshalb etwas ganz Wesentliches:
Beides verlangt Aufmerksamkeit. In der Pflege geht es um den Menschen vor mir.
Beim Nähen geht es um das, was gerade unter meinen Händen entsteht.
Beides erinnert mich daran, dass Qualität nicht nur am Ergebnis entsteht. Sie entsteht in jedem einzelnen Schritt auf dem Weg dorthin.