Assistierter Suizid – Ein Mensch beendet sein eigenes Leben

 
 
 

Wenn ich darüber lese, dreht es mir den Magen um. Es macht mich fassungslos und traurig. Gerade habe ich einen Beitrag über eine 94-jährige Frau gesehen, die sich mit 95 für assistierten Suizid entschieden hat. Nach außen wirkt sie körperlich gesund – und doch kann ich mir kaum vorstellen, wie viele Verletzungen, wie viel Verlust und wie viel Trauer ein Mensch in so vielen Jahren in sich tragen muss. Müde. Lebensmüde. Im fortgeschrittenen Alter, dass Ende nah. Ich denke darüber nach wieviel Angst davor da sein muss. Das muss nicht sein. So viele ältere Menschen begehen Selbstmord. Leben ihr gesamtes Leben und am Schluss tun sie sich das an.

Ich bin Krankenschwester. Aus persönlicher Erfahrung kenne ich diese Gedanken. Ich weiß, wie leise sie beginnen und wie erdrückend sie werden können. Genau deshalb kann ich dieses Thema nicht neutral betrachten. Und ich will es auch nicht. Obwohl ich in meiner beruflichen Rolle unterstützend und begleitend sein sollte. Verständnisvoll bin ich – aber still bin ich nicht.

Für mich bleibt Selbstmord Selbstmord. Egal, wie sanft er genannt wird, egal wie sauber er verpackt ist, egal wie medizinisch begleitet oder juristisch legitimiert.
Wir nennen es „assistiert“, „begleitet“, „Selbst bestimmt“. Aber wir reden über dasselbe Ende: Ein Mensch beendet sein eigenes Leben.

Und jedes Mal schreit etwas in mir: Das steht uns nicht zu.
Warum tust du dir das selbst an?
Bitte tu das nicht!!

Der freie Wille des Menschen. Selbst entscheiden. Jeder soll machen dürfen, was er oder sie will. Ich soll das annehmen, vielleicht sogar gutheißen. Ich lande dabei lediglich beim Akzeptieren können und vermutlich nicht mal das. Ich weiß, dass ist mein Thema.

Ich glaube daran, dass es einen Zeitpunkt gibt, der nicht von mir festgelegt wird.
Dass es etwas Größeres gibt – nenn es Gott, Bewusstsein, Quelle –, das entscheidet, wann eine Seele geht.
Wenn ich diesen Zeitpunkt selbst festlege, stelle ich mich über etwas, das ich gar nicht begreifen kann. Und ja: Das fühlt sich für mich an wie Gott spielen.

Und gleichzeitig weiß ich, dass ich leicht reden kann, solange ich keine Erkrankung wie ALS habe – eine fortschreitende, unheilbare neurodegenerative Erkrankung, die zu Muskellähmungen und Muskelschwund führt. Das bewusst durchzumachen, finde ich persönlich schrecklich. Es gehört unendlich viel Mut dazu.

Ich weiß. Leid kann brutal sein. Ungerecht. Zermürbend. In Momenten der Verzweiflung fehlt oft jedes Vertrauen – und manchmal sogar die Kraft, überhaupt noch Vertrauen zu haben. Aber ich glaube nicht, dass Leid automatisch bedeutet, dass ein Leben „nicht mehr richtig“ ist. Auch ich bin eine Schmerzverweigerin.

Wenn wir wirklich verstehen würden, dass Leben mehr ist als diese eine Runde hier –
wenn Karma und Wiedergeburt nicht nur esoterische Konzepte wären, sondern tief verinnerlichtes Wissen –, dann würden wir anders entscheiden. Und da schließe ich mich selbst mit ein.

Wir würden fragen:
Was will hier gelernt werden?
Was darf noch durchlebt, noch gelöst werden?
Was trage ich vielleicht weiter, wenn ich jetzt abbreche?

Aber haben wir in solchen Momenten tatsächlich die Kraft dazu?

Für mich war und ist es immer wieder diese unsichtbare Kraft gewesen, die mich durch solche Tiefs getragen hat. Ich hatte keine Lust, über all diese Fragen nachzudenken. Was mich gehalten hat, war das Wissen, dass alles da ist, um etwas zu lernen – und dass ich mir selbst schade, wenn ich abbreche. Auch mit all den negativen Emotionen: Wut, Machtlosigkeit, dem Wunsch aufzugeben.

Der schnelle Ausstieg ist keine Erlösung.

Ich glaube nicht, dass man sich einfach „erlöst“, indem man früher geht.
Ich glaube eher, dass man etwas mitnimmt – unfertig, ungelöst.
Und dass das Leben, oder das, was danach kommt, sehr geduldig ist, wenn es darum geht, Lektionen zu wiederholen.

Ich weiß, dass meine Haltung unbequem ist.
Ich weiß, dass sie als hart, religiös oder realitätsfern gelesen wird.
Aber sie ist ehrlich. Und sie ist laut, weil ich hoffe, dass sich das eine oder andere Leben vielleicht doch anders entscheidet.

Ich glaube an Sinn jenseits von Schmerz.
Ich glaube an eine Ordnung, die wir nicht kontrollieren.
Und ich glaube, dass nicht alles, was sich Selbst bestimmt nennt, auch weise ist.

Vielleicht geht es nicht darum, Leiden zu beenden.
Vielleicht geht es darum, Menschen im Leiden zu begleiten. Füreinander da zu sein. Hinzuschauen.

Eine Gesellschaft, die den Tod organisiert, statt das Leben besser zu machen, hat etwas Entscheidendes verloren.

Und vielleicht – nur vielleicht – würde sich unser ganzes Leben verändern,
wenn wir wirklich verstanden hätten, dass es nicht hier anfängt und nicht hier endet.

 

 

 
Von Herz zu Herz
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