Mich selbst annehmen in meiner Polarität – die Kunst, meinen Schatten zu integrieren
Heute Morgen fahre ich wie so oft in die Arbeit. Eine wunderschöne Strecke mitten durch die Natur. Genau dort kommen mir oft die klarsten Gedanken. Diesmal war es ein Satz, den ich schon unzählige Male gehört habe: Du musst dich so annehmen, wie du bist.
Ein Satz, der fast schon abgedroschen wirkt. Und doch war heute ein Moment, in den er tiefer gesunken ist. Nicht nur in den Kopf, sondern in etwas darunter. In eine Ebene, die sich echter anfühlt.
Es gibt diese Sehnsucht, endlich ganz bei mir selbst anzukommen. Am liebsten in den hellen, leichten Anteilen. In dem, was sich gut anfühlt, was stimmig ist. Aber so funktioniert es nicht. Ganz ankommen bedeutet auch, die widersprüchlichen, unbequemen Seiten mitzunehmen.
In der Theorie klingt das einfach: den eigenen Schatten erkennen, integrieren, sich selbst lieben. Als wäre das ein Prozess, den man einmal versteht – und dann umsetzt.
In meiner Realität fühlt es sich viel zu oft ganz anders an.
Ich sehe meine Muster. Ich erkenne meine Reaktionen, meine Unsicherheiten, meine dunkleren Seiten. Es gibt Momente von Klarheit, in denen ich denke: Scheiße, ja… das bin ich auch. Und fast im selben Moment kommt der Widerstand: Nein. Das will ich nicht sein.
Genau da beginnt der innere Konflikt. Anstatt Annahme kommt Ablehnung. Anstatt Mitgefühl entsteht Enge.
Und ich merke: Ich schaffe es nicht. Zumindest nicht so, wie ich es mir vorstelle.
Ein kleiner Teufelskreis.
Ich scheitere nicht daran, mich zu reflektieren. Im Gegenteil – ich sehe viel. Manchmal frage ich mich sogar, ob ich zu viel sehe. Doch das ist auch nur eine elegante Ausrede, um nichts wirklich verändern oder annehmen zu müssen.
Woran ich tatsächlich scheitere:
Das Gesehene einfach stehen zu lassen. Mich aktiv, bewusst anders zu entscheiden.
Stattdessen beginnt oft ein Kampf in mir.
Ich bewerte mich. Drücke Anteile weg. Lehne mich selbst ab und bin voll in der Emotion mir und dem anderen Gegenüber.
In solchen Momenten fühlt sich Selbstliebe nicht wie eine Entscheidung an.
Eher wie ein Konzept, das für andere funktioniert – aber nicht wirklich für mich. Zumindest nicht dann, wenn es darauf ankommt.
„Alles darf da sein“ klingt gut, aber ist das richtig. Wertfrei bleiben, sich entwickeln, lernen. Aber wenn es konkret wird, wenn ich wirklich spüre, was da in mir ist, fühlt es sich oft einfach nur falsch an. Beschämend. Schwer auszuhalten.
Und dann kommt noch etwas dazu: das Scheitern an der eigenen Arbeit an sich selbst.
Dieses Gefühl, dass ich doch „weiter“ sein müsste. Dass ich schon so viel verstanden habe, so viel reflektiert, gelesen, durchdacht. Und trotzdem stehe ich immer wieder an genau diesem Punkt. Widerstand. Ablehnung. Ein inneres Wegdrücken dessen, was eigentlich gesehen werden will.
Das ist frustrierend. Und auch ernüchternd. Ich bin fast 50 – und ganz ehrlich: Ich habe keine Lust, mit 80 dazusitzen und zu denken, ich hätte es verpasst. Mal abgesehen davon ob ich überhaupt so alt werde. Zu viele Gedanken. Zu viel Kopfkino. Und damit mache ich es mir oft selbst schwerer, als es sein müsste.
Meine eigene Polarität anzunehmen und zu sagen: Das bin ich auch – das ist herausfordernd.
Zu akzeptieren, dass ich Teil dieses großen Ganzen bin.
Dass ich – wie jeder andere Mensch – auch Spiegel bin.
Und ich frage mich manchmal:
Wie viele Menschen können das wirklich?
Und wie frei muss man sich fühlen, wenn man es kann?
Vielleicht liegt die eigentliche Kunst aber gar nicht darin, sich sofort vollständig anzunehmen.
Sondern darin, ehrlich zu bleiben. Zu sehen, was ist – auch wenn es nicht dem entspricht, wo man gern wäre und so Schritt für Schritt zu lernen, sich selbst näher zu kommen.
Zu merken: Ah, da rutsche ich wieder in ein altes Muster. Und vielleicht ein kleines Stück früher innezuhalten.
Sich einen Anker zu setzen – etwas, das hilft, nicht komplett in der Emotion unterzugehen.
Und vielleicht… ist genau das schon Selbstliebe. Einen Zustand von Mitgefühl einnehmen.
Kein großes, strahlendes Gefühl.
Keine perfekte Annahme.
Sondern ein leises, ehrliches:
So ist es gerade.
Und ich bleibe. Bei mir. Und irgendwann in einem Zustand von Liebe.